Mahan Mirarab 'Unspoken' (IRN/I/A)
Mahan Mirarab: guitar, fretless guitar
Golnar Shahyar: vocals
Daniele Camarda: bass, fretless bass
Album Release Concert
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Unspoken, das ACT-Debüt des aus dem Iran stammenden, in Wien lebenden Gitarristen Mahan Mirarab, öffnet eine ganze Welt voller tief empfundener Geschichten zwischen Ost und West, Dunkelheit und Schönheit, Trauer und Freude. Und es offenbart einen zutiefst menschlichen, innigen, sensiblen Blick auf eine Zeit voller Spannungen und Widersprüche. Solo an der Doppelhalsgitarre sowie auf einigen Stücken zusammen mit Kian Soltani (Cello), Lars Danielsson (Kontrabass) und Golnar Shahyar (Gesang) zeichnet Mirarab auch seine persönliche musikalische Reise nach: Jazz verbindet sich mit Einflüssen klassischer und folkloristischer Musik aus dem Iran, mit europäischer Kammermusik und liedhaften Elementen.
Geboren wurde Mahan Mirarab in Teheran. Dort lernte er zunächst Klavier und Gitarre, mit 14 Jahren spielte er Bass in einer Pink-Floyd-Coverband. Durch die Teheraner Underground-Szene kam Mahan Mirarab intensiver mit westlicher Musik wie Jazz und Progressive Rock in Berührung. Die Ressourcen dafür waren damals sehr begrenzt, Aufnahmen gab es vor allem in Form von auf dem Schwarzmarkt gehandelten Kassetten. Über diese entdeckte Mahan Mirarab die Musik amerikanischer Jazzmusiker wie Bud Powell, Chick Corea oder George Benson. Er hörte deren Musik so oft, dass er bald jedes einzelne Solo mitsingen konnte und schließlich für die Gitarre transkribierte. Dies alles war ein beachtliches Risiko, wie sich Mahan Mirarab erinnert: „Musikkassetten zu besitzen war strafbar. Ich hatte einen Freund, der wegen eines kopierten Jazz-Tapes im Gefängnis landete.“ Doch die Neugier auf die unbekannte Musik war stärker. Unter anderem spielte Mahan Mirarab in einer Weather-Report-Coverband, die vor allem in Botschaften auftrat. Der österreichische Botschafter in Teheran war großer Joe-Zawinul-Fan und half Mahan Mirarab, der sich längst entschlossen hatte, die (Musik-)Welt jenseits seines Heimatlands zu entdecken, bei der Ausreise. So verschlug es Mirarab im Jahr 2009 nach Wien, wo er bis heute lebt.
Dort entschied sich Mahan Mirarab, der zuvor im Iran Architektur studiert hatte, gegen ein Musikstudium. Er wollte lieber die Szene kennenlernen, eigene Projekte starten und vor allem die Musik spielen, die ihm persönlich entsprach, fern von institutionellen Strukturen. 2009 nahm er sein erstes Trio-Album auf, das sich mit einer persischen Perspektive auf Jazz beschäftigte. Dadurch fand er langsam Zugang zur Szene, spielte Konzerte in lokalen Jazzclubs sowie kleineren Festivals und knüpfte wichtige Kontakte. Erste internationale Erfahrungen folgten und schließlich wurde ein gemeinsames Projekt mit seiner Frau, der Sängerin Golnar Shahyar, zu einem internationalen Erfolg, mit Konzerten weltweit und wachsender Aufmerksamkeit. Gleichzeitig verstärkte sich für Mahan Mirarab das Gefühl, sich nur behaupten zu können, wenn er stets alle Facetten seines Könnens als Musiker und Komponist unter Beweis stellte. Dieser Anspruch entstand eher unbewusst und war stark von seinem Umfeld geprägt – als eine Art Überlebensstrategie, die ihn dazu brachte, sich ständig zu perfektionieren.
Als ACT-Chef und Produzent Andreas Brandis auf Mahan Mirarab aufmerksam wurde, schickte dieser dann auch gleich einen ganzen Berg an unterschiedlichstem Material an das Label. Doch es war eine kleine Solo-Skizze, bei der es Klick machte: „Unter den Stücken, die ich geschickt hatte, war auch ‚first idea‘“, erinnert sich Mahan Mirarab, „und Andreas Brandis und Michael Gottfried von ACT sagten ziemlich schnell: Das ist es, lass uns hier tiefer eintauchen und ein ganzes Soloalbum zusammen produzieren. Ich empfand das als sehr befreiend, wie eine Erlaubnis, nicht immer alles zeigen zu müssen, zu dem ich in der Lage bin, sondern einfach nur ich selbst sein zu dürfen.“ Mahan Mirarab und Andreas Brandis trafen sich mehrmals persönlich, auch einmal in Paris, telefonierten und besprachen eine Menge Solo-Ideen, die schließlich die Basis für das Album Unspoken bildeten.
In diesem gemeinsamen Prozess entstand auch die Idee, für einige Stücke des Albums Gäste einzuladen: Der klassische Cellist Kian Soltani stammt ebenfalls aus dem Iran, und Mahan Mirarab beschreibt weitere wichtige Gemeinsamkeiten: „Kian ist ein perfekter klassischer Cellist, aber er kann auch wirklich gut improvisieren. Und er ist ein toller Komponist. Ich habe Cello-Linien für ihn geschrieben, und er hat diese komplett neu arrangiert und generell viel Kreativität mitgebracht.“ Mit Bassist Lars Danielsson ist Mahan Mirarab schon lange vertraut, nur getroffen haben sich die beiden erst jetzt. „Lars kenne ich seit meiner Zeit im Iran, ich meine von einer Aufnahme mit John Abercrombie. Später habe ich viele seiner Kompositionen gelernt, einfach für mich selbst, weil ich sie so gut fand. Sowohl in seinen Kompositionen wie auch in seinen Improvisationen hat Lars dieses unglaubliche Bewusstsein für Dynamik, Harmonie und Raum in der Musik. Mir war es wichtig, ihn auch als Mensch kennenzulernen. Deshalb bin ich extra nach Göteborg geflogen, um unbedingt mit ihm in einem Raum aufzunehmen. Obwohl es dort genug Platz gab, saßen wir sehr nah beieinander – was unser gemeinsames Spiel besonders intensiv und unmittelbar gemacht hat.“ Die Beziehung zu der Sängerin Golnar Shahyar könnte nicht enger sein, schließlich sind sie und Mahan Mirarab auch privat ein Paar. Nachdem beide seit 2011 viel zusammen auf der Bühne und im Studio standen, haben sie sich in den letzten Jahren stärker auf ihre eigenen Projekte konzentriert. Aber es bleibt eine besondere Verbindung, die man hören kann, geprägt von großem Können und tiefer Vertrautheit und Emotionalität.
Überhaupt gibt es nicht die Spur eines Zweifels: Unspoken ist persönlich. So erzählen die Stücke „Banoo“ und „A Way to Mourn“ von Mahan Mirarabs Großmutter, die während der Zeit der Aufnahmen starb. Im Stück „Jina“ trifft das Persönliche auf das Kollektive: Im Kurdischen bedeutet der Titel „Leben“ und ist untrennbar mit der jungen Frau Jina Mahsa Amini verbunden, deren Tod in Gewahrsam der iranischen Sittenpolizei im Jahr 2022 eine landesweite Protestbewegung auslöste. Es waren Ereignisse, die Mahan Mirarab tief verändert haben. Lange Zeit war er nicht in der Lage, darüber zu schreiben, erst Unspoken gab ihm den Mut dazu. „Sparkling“ ist Mahan Mirarabs Lieblingsstück aus der Feder seiner Ehefrau Golnar, und die Version von „In a Silent Way“ ist eine Referenz an Joe Zawinul, dessen Einfluss einst so viele Türen öffnete. Und auch das Instrument, mit dem Mahan Mirarab Unspoken eingespielt hat, ist eine persönliche Einzelanfertigung des türkischen Gitarrenbauers Ekrem Özkarpat: eine doppelhalsige Gitarre mit einem bundlosen und einem bündigen Griffbrett. Das Instrument steht fast schon metaphorisch für die zwei Welten, in denen sich Mahan Mirarab bewegt: die in Halbtöne strukturierte westliche Welt und die mikrotonale seiner Heimat.
Fragt man Mahan Mirarab, wie er die aktuelle Lage im Iran empfindet und wie sich diese in seiner Musik widerspiegelt, muss er lange überlegen. „Es ist schwer, aus der Distanz mitzuerleben, was gerade passiert. Ich habe 25 Jahre im Iran gelebt, habe unglaublich viele Erinnerungen, und meine Eltern und viele Freunde leben noch dort. Das fühlt sich sehr melancholisch an. Aber mein Bezug zu meinem Herkunftsland ist kein nationaler. Am Ende spielt es keine Rolle, wo sich Kriege und Konflikte abspielen – es geht immer um Menschen, die überall auf der Welt gleich fühlen. Ich denke, es ist wichtig, aufmerksam, sensibel und empathisch zu bleiben, irgendwie zu reflektieren, was um uns herum geschieht.“ Diese menschliche Reflektion der Welt in all ihren widersprüchlichen Facetten ist es, was Unspoken so einzigartig und berührend macht.
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