Thu March 3, 2022
19:00

Renald Deppe „for poets & writers“ (...east of the moon...) – Monumentum für Marina Zwetajewa (1892-1941)

Trio Kabelfisch
Angélica Castelló: Subgroßbassblockflöte
Tobias Leibetseder: electronics
Renald Deppe: clarinet, conception, graphein
&
Anna Hauf: voice

Sorry this part has no English translation

»Einzig Frauen zu lieben (für eine Frau) oder einzig Männer (für einen Mann),
bewusst das übliche Entgegengesetzte auszuschließen - wie grausig!
Aber nur Frauen (für den Mann) oder nur Männer (für die Frau) zu lieben,
bewusst das ungewohnte Eigene ausschließend - wie langweilig!
Und alles zusammen - welche Erbärmlichkeit.
Hier ist tatsächlich der Ausruf angebracht: Seid wie die Götter!
Jeder bewußte Ausschluss - ein Graus.«

(M. Z. - Entwurfheft 1921)

Lesehinweis:

Marina Zwetajewa
Lob der Aphrodite
Gedichte von Liebe und Leidenschaft
Übertragen und mit einem Essay von Ralf Dutli
Wallenstein Verlag, Göttingen 2021

• Marina Zwetajewa war Zeugin einer finsteren Zeit.
M. Z. erlebt ein wohl behütetes wie begütertes Elternhaus in Moskau. Und eine tuberkulöse Mutter.
M. Z. erlebt als Tochter Kur- & Schulaufenthalte in Italien, der Schweiz, im deutschen Schwarzwald.
M. Z. erlebt 1906 den Tot der Mutter. Reist mit 16 allein nach Paris. Begegnet vielen Lieb- & Leidenschaften.
M. Z. erlebt Dresden. Die Krim. Lernt dort ihren zukünftigen Ehemann kennen. Hochzeitsreise nach Sizilien.
M. Z. erlebt die Geburt ihrer Tochter Ariadna. Den Tod des Vaters. Und immer wieder Paris.
M. Z. erlebt erfolgreiche Veröffentlichungen ihre Gedichte. Erlebt & lebt mit Ossip Mandelstam.
M. Z. erlebt den ersten Krieg der Welten, den Sturz des Zaren, die Russische Revolution.
M. Z. erlebt den anschließenden Bürgerkrieg im ehemaligen Zarenreich. Und die Verarmung ihrer Familie.
M. Z. erlebt die Absenz ihres Gatten Sergej Efron. Fünf Jahre galt S. E. als Verschollen. Bürgerkriegswirren.
M. Z. erlebt den Tod ihrer 1917 geborenen Tochter Irina. Sie stirbt in Kunzewo an Unterernährung.
M. Z. erlebt die Nöte der Emigration: in Berlin, Prag, Paris. Mit ihrer Tochter Ariadna. Mittellos.
M. Z. erlebt die Wiederbegegnung mit ihrem Gatten. Die Geburt ihres Sohnes Georgij. Stets Mittellos.
M. Z. erlebt andere Beziehungen, andere Leidenschaften. Viele. Ihr Mann setzt sich nach Moskau ab.
M. Z. erlebt Seelen- & Hungerqualen. Vereinsamung & Armut. Im Exil. In Paris. Schreibversuche. Täglich.
M. Z. erlebt die Verurteilung ihrer Schwester. Ihrer Tochter Ariadna. Lagerhaft und Verbannung.
M. Z. erlebt die Rückkehr nach Moskau. Und die anschließende Verhaftung ihres Gatten.
M. Z. wird Tochter und Ehemann seit deren Verhaftung 1939 nicht wiedersehen. Schreibversuche. Täglich.
M. Z. wird nach Jelabuga in der Tatarische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik evakuiert. Mit ihrem Sohn.
M. Z. wird 1941 Selbstmord begehen. Durch Erhängen. Im August. Im Oktober wird Efron erschossen. Im Gefängnis.

Nadeschda Mandelstam, Gattin von Ossip Mandelstam, beschreibt M. Z. wie folgt:
»Sie war vollkommen eigensinnig.
Sie suchte in allem die Ekstase und die Absolutheit des Gefühls.
Sie brauchte die Ekstase nicht nur in der Liebe, sondern auch im Verlassenwerden, in der Einsamkeit, im Unglück.«
Nadeschda Mandelstam. Eine unbestechliche wie sorgfältige Zeitzeugin.
1979 erschien ihr Buch »Erinnerungen an das Jahrhundert der Wölfe«.

Herzlich Willkommen. (Renald Deppe)