1. Februar 2021
Von Hannes Schweiger

DO 28. Januar 2020
Fusion Thesis Of Free Fall
PREINFALK / CECH / MATHISEN “GIUFFRE ZONE”
Gerald Preinfalk (b-, a-cl, bcl), Christoph Cech (p), Per Mathisen (b)

Betreffend Beethoven hat sich´s “ausgeburtstagt”. Einer gewissen Erleichterung angesichts der Überfrachtung dahingehend in allen möglichen Bereichen, fällt man wohlwollend anheim.

Die aktuellen musikalischen Jahresregenten (100. Geburtstag) kommen nun aus der wunderbaren Welt des Jazz. Zwei Stilisten/Komponisten von besonderer Begabung und Bedeutung für diese Musizierhaltung. Beide Virtuosen auf diversen Holzblasinstrumenten und beide in der Cool Jazz-Ära zu Persönlichkeiten gereift. Einer der Österreicher Hans Antonio Cyrill Koller, der andere der Amerikaner James Peter “Jimmy“ Giuffre. In die Schaffenszone von Zweiterem begeben sich seit den frühen 2000er Jahren die drei open minded Jazz-Kapazunder Cech, Preinfalk, Mathisen. Konkret konfrontieren sie sich mit Giuffres tragfähigen Innovationen die er mit dem epochalen Trio mit Paul Bley und Steve Swallow Anfang der 1960 Jahre dem Jazz-Kosmos einschrieb. Zuvor war Giuffre bereits als unkonventioneller, experimentierfreudiger Big Band Komponist und Arrangeur, der „Four Brothers“ Sound für die Woody Herman BB (drei Tenorsaxophone, ein Bariton) gehen auf sein Konto, ein vielbeachteter Name. Doch sein Interesse galt weit mehr dem Erforschen eines lyrisch konnotierten Improvisationsansatzes dem eine gewisse reduktionistische Ereignishaftigkeit innewohnt. Zu einem gewissen wohldosierten Grad spielte gleichsam die instrumentaltechnische Erweiterung der Instrumente mithinein. Die Klarinette führte Giuffre konsequent aus ihrer Swing-Isolation in neue ästhetische Gefilde. Wesentlich verantwortlich war hierfür Giuffres wachsendes Interesse an den damaligen Entwicklungen der E-Musik Avantgarde. Er etablierte sich sodann als ein profunder Vertreter jener Fusion aus europäischer und afroamerikanischer Tradition, infolge Third Stream genannt. Immer deutlicher allerdings manifestierte sich, mit all diesen Bestrebungen im Hinterkopf, Giuffres Anliegen einer freien Improvisationsweise. Weder den Begriff Cool Jazz noch Third Stream reklamierte er jetzt für seine Musik, er sprach von Subtle Jazz.

Erste Ansätze dieser kontemplativen Zustandsidee unternahm er im Trio mit dem Gitarristen Jim Hall und dem Bassisten Ralph Pena, dem bald Bob Brookmeyer an der Posaune folgte. Wirklich zu voller Blüte brachte er sein Konzept erst im Trio mit Bley und Swallow. Den Verzicht auf ein Schlagzeug begründete Giuffre einmal mit der Bemerkung: „Drums are tyrannical“. Ergo fand er für sich mehr Transparenz und Freiheit in der Musik. Auf die Bühne: Schon längst trumpften Cech, Preinfalk und Mathisen mit ihren den Wesenskern reflektierenden Neudeutungen aus der Guiffre Zone bzw. Eigenkompositionen in diesem Geiste, auf. Repertoiretechnisch war es eine Mischung aus dem Oeuvre der Giuffre 3 - Tunes wie „Jesus Maria“, In The Mornings Out There“, „Ictus“ von Carla Bley (was einem wieder einmal ihre Einzigartigkeit vor Ohren führte) „Scootin´ About“ oder „Whirrrr“ vom Meister selbst - mit Stücken von den Hommage-Protagonisten. Beeindruckend welch unglaubliche spielerische und erfinderische Verfassung diese ins Geschehen  warfen. Wie tief wissend und verstehend das Trio in Giuffres Sphären vorgedrungen ist und deren Gültigkeit in heutigen Zeitzonen etabliert. Kongenial umgesetzt, weitergedacht wurde die Parität zwischen den Instrumenten. Der hohe kommunikative Faktor. Das zumeist Themen folgende spontane Extemporieren, keinen funktionsharmonischen Verpflichtungen oder festen Formgerüsten folgend, was auch in ekstatische Gestik ausARTen konnte. Der ausgeklügelte Umgang mit Agogik, die Homogenität in der Verschränkung von melodischer Singbarkeit mit labyrinthischen Verläufen und hochkomplex verzweigter Harmonik sowie vorgefertigtem mit ad hoc entworfenem Material. Im tonalen Rahmen platziert, der alle harmonischen Progressionen ermöglicht, was sehr wohl weidlich genützt wird. Noch weiter verfeinert, vor allem in den persönlichen Werken, hat das Guiffre Zone-Trio das kontrapunktische Raffinement der Stimmführung. Jeder treibt zumeist in seinen eigenen Melodierhythmiken, die interaktivst ineinander fließen, zu vielschichtiger Pulsation verschmelzen. Es kann dito gehörig swingen. Virtuosität die hier beeindruckend in die Vollen greift, beschickt souverän musikalische Emphase wie Kunstsinnigkeit. Selten herrscht zwischen individueller Auslegung und Originalmaterial derartige inhaltliche Vertiefung.

„Giuffre Zone“, wohnt nichts Museales inne, sondern illuminiert am zeitgenössischen Musik-Firmament. Eine zutiefst wertschätzende Würdigung eines wegweisenden Freigeistes, der die Vermessung des Kammer-Jazz definierte.