Di 5. Februar 2013
20:30

Florian Weber "Biosphere" feat. Lionel Loueke (D/USA/BJ)

Florian Weber: piano, fender rhodes
Thomas Morgan: bass
Dan Weiss: drums
special guest: Lionel Loueke: guitars, vocals

Jede Grenze ist eine Herausforderung. Ganz besonders für Jazzmusiker, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts die Entwicklungen der Musikgeschichte quasi auf der Überholspur nachvollzogen haben. Alles, was ging, wurde stilistisch und gestalterisch in Frage gestellt, allem voran Melodik, Harmonik und Struktur. Nur Rhythmus ist bislang eine vergleichsweise feste Größe, auch wenn die Free-Ära ihn vom linearen Denken eher in Richtung des Pulses gelenkt hat. Wenn man als neugieriger Musiker also weiterhin nach Grenzen sucht, die sich zu überschreiten lohnen, dann bietet sich hier ein weites Feld. Rhythmus und Metrum gehören zu den letzten Bastionen unserer Klangkultur, die weiterhin viele Geheimnisse in sich tragen, die sich zu erforschen lohnen.

Besonders, wenn man eigentlich aus Mitteleuropa stammt, einer der Weltregio-nen, die sich traditionell mehr über ausgebuffte Harmonik und ausgefeilte Melodik, als über komplexe Rhythmik definiert. Florian Weber, Sohn einer klassisch umfassend vorgebildeten Familie, bekam schon mit vier Jahren ersten Klavierunterricht, entdeckte aber dann als Teenager den Jazz für sich. Nach dem Studium der Mathematik und Physik arbeitete sich als Stipendiat an der Berklee School in Boston, Student in Köln und Schüler von Koryphäen wie JoAnne Brackeen, John Taylor, Danielo Perez und Paul Bley tief in die Materie des Jazz ein. Florian Weber machte sich noch während seines Studiums einen Namen an der Seite u.a. von Albert Mangelsdorff und Lee Konitz und war trotz seines jugendlichen Alters bald selbst schon eine Autorität der Szene. Er gewann viele nationale und internationale Preise wie den Steinway&Sons Prize in Montreux oder den Jazzprize von Monaco und seine CD mit dem Trio Minsarah wurde durch die Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Als Folge davon wurde er zu einigen der wichtigsten internationalen Jazzfestivals eingeladen (u.a. Jazzfestival Montreal, Jazztage Berlin, JVC Festival Paris, Kennedy Center in Washington) und bekam als erster deutscher Pianist die Möglichkeit einer Aufnahme mit Lee Konitz im berühmten New Yorker Jazzclub Village Vanguard.. Dieses, von der weltweiten Presse hoch gelobte und mit dem Choc de l’Ánnée des französischen Magazins Jazzman ausgezeichnete Album brachte auch jenseits des Atlantik die entsprechende Anerkennung wie eine herausragende Besprechung im DOWNBEAT: “Florian Weber is a terrific pianist“ oder ein Feature im New York Radio WKZE: „fresh and worldclass“ und begeistert schliesslich auch in Deutschland die Presse. FAZ: "Stille und Überschwang, Nachdenklichkeit und Verspieltheit werden mit einer Reife, Tiefe und Dialogintensität zusammengebracht, daß Vergleiche mit Weltstars wie Brad Mehldau viel Stoff hergeben."

Heute lebt Florian Weber einen Teil des Jahres in New York, gehört zur immens lebendigen Szene dieser Stadt und kann auf deren Möglichkeiten zurückgreifen, die sich wiederum mit seinen eigene Vorstellungen überschneiden. Und die betreffen zum einen die Erweiterungen der Klangfarben in der improvisierenden Musik, zum anderen die rhythmische Durchdringung der Kompositions- und Spielkultur. Partner zum Experimentieren hat Florian Weber in seinem Umfeld gefunden. Der afrikanische Gitarrist Lionel Loueke beispielsweise hat sich bereits an der Seite von Koryphäen wie Herbie Hancock bewährt, kann auf musikalische Erfahrungen seiner Kindheit in Benin zurückgreifen. Er ist ein früherer Studienkollege des Pianisten am Berklee College in Boston. Der Bassist Thomas Morgan ist unter den neuen Gesichtern der derzeit versierteste Alleskönner seines Instruments und Schlagzeuger Dan Weiss ist der meist gesuchte Schlagzeuger in NY wenn es um komplizierte Rhythmik geht. Er ist einer der ganz wenigen Perkussionisten der über eine perfekte Tabla Technik verfügt und diese auch auf der CD einsetzt.

Mit diesem Team also machte er sich ans Werk. Auf der Agenda standen viele Wünsche. Erstens sollte nicht nur das Klavier, sondern auch das Fender Rhodes einen stimmigen Platz in der Band haben. Zweitens sollten nord- und westafrikanische Rhythmen die grundsätzliche Gliederung der Musik prägen, ohne aber den modernen jazzigen Charakter an den Rand zu drängen. Drittens galt es, weiteren Pfeilern von Florians Webers Interessenskosmos - die Mathematik und auch Konstruktionsprinzipien aus der Fugenlehre - in das Gesamtbild zu integrieren, ohne das Resultat aber zu vertrackt erscheinen zu lassen. Viertens schließlich sollte das Ganze vor allem auch Spaß machen und die Zuhörer mitrei-ßen.

So entwickelt sich „Biosphere“ zu einem der spannendsten, weil beiläufig vielschichtigen Alben in jüngerer Zeit. Auf der einen Seite gibt es Kompositionen wie „Piecemeal“, ein Stück im 27/16-Takt, das die Idee motivisch kleinster Teilchen, mit kontrapunktischen Kontrasten und afrikanischen Strukturvorstellungen verknüpft. Man muss die 27/16tel nun nicht nachzählen - es groovt einfach.

Es gibt aber auch Neudeutungen bekannter Titel wie „Clocks“ von Coldplay, „Cos-mic“ von Jamoriquai die eigentlich aus der Pop Welt kommen oder „All The Things You Are“, den Klassiker der nach einer rhythmischen Runderneuerung nun „Evolu-tion“ heißt. Florian Weber präsentiert hier eine völlig neue, bisher nicht dagewesene Rhythmik.

Vor allem aber gelingt es dieser erstaunlichen Band, auch die vertracktesten Vor-lagen leicht, und stellenweise sogar funky klingen zu lassen. Es ist die Verbindung von Kopf und Bauch, Intellekt und Erfahrung, die „Biosphere“ den Weg über die Grenzen des Gewohnten hinweg weist. Florian Weber und seinen New Yorker Musikern ist hier ein verblüffendes, wenn nicht sogar grundlegendes Album gelungen das die Tür in neue Klang Erfahrungen aufstößt. (Ralf Dombrowski)