Do 3. November 2022
20:30

Mark Turner 'Return from the Stars' (USA)

Mark Turner: tenor saxophone 

Jason Palmer: trumpet

Joe Martin: bass

Jonathan Pinson: drums

Auf Return From The Stars, das in seiner Atmosphäre sowohl energetisch als auch nachdenklich wirkt, geben Mark Turners Kompositionen seiner Gruppe viel Raum für Bewegung. Die Soli fließen organisch aus den Arrangements heraus; neben dem umwerfenden Zusammenspiel von Turners Tenor und Jason Palmers Trompete können sich Bassist Joe Martin und Schlagzeuger Jonathan Pinson immer wieder frei entfalten.

Obwohl Turner bereits auf diversen ECM Aufnahmen zu hören war – darunter mit dem Billy Hart Quartet, als Teil des Fly Trios, sowie im Duo mit Ethan Iverson – handelt es sich bei Return From The Stars um sein erstes Quartett Album seit dem vielgelobten Lathe Of Heaven von 2014 und um einen unverzichtbaren Beleg seiner außerordentlichen Qualität als Konzeptualist, Instrumentalist und Komponist. (Pressetext)

Aus den Sternen kommt Schönheit
Er setzt Maßstäbe bei Tonschönheit und feiner Kontrolle des eigenen Spiels – der Saxophonist Mark Turner. Doch er gehört nicht zu denen, die sich mit ihrer enormen Spieltechnik und dem hohen Niveau ihrer Improvisation nur an Spezialisten-Kreise oder Nerds richten. Turners Musik ist offen für alle, die feines Spiel schätzen und den Sinn für Nuancen teilen. Sein jüngstes Album, "Return from the Stars", packt auch mit besonders stimmungsvollen Melodien.

Diese Stimmführung. Diese Klarheit der Töne. Eine Trompete und ein Tenorsaxophon. Ganz pur zunächst in diesem Stück mit dem Titel "Bridegetown", dann mit dem Rest der Band. Dieser Rest ist nicht groß – nur ein Kontrabass und ein Schlagzeug außer den beiden Blas-Instrumenten. Kein Keyboard, keine Gitarre. Und es entsteht ein ganz eigener Zauber.

Es ist das neue Quartett des Saxophonisten Mark Turner. Schönheit durch bewusste Beschränkung. Schnell wird auf diesem Album klar, dass diese Beschränkung die Musik weder ärmer noch weniger interessant macht. Ganz im Gegenteil. Stück für Stück fasziniert durch eine verblüffend organische Musikalität und ungewöhnliche Klangschönheit.

In dieser Musik passiert einfach nur: das Wesentliche. Aber nicht etwa auf dürre, schmucklose Art. Sondern in künstlerisch allerfeinster Abstimmung. Das ist Reinheit mit Reichtum. Ein Reichtum, der nicht materiell auftrumpft, sondern sich in tragenden musikalischen Gedanken, in einer wie traumwandlerisch beherrschten Form und im Spiel der sowieso atemberaubend beherrschten Instrumente niederschlägt. Viel Schönes – und sehr Kunstvolles - ereignet sich da ganz beiläufig.

Jason Palmer, Trompete, Joe Martin, Bass, und Jonathan Pinson, Schlagzeug: Das sind die musikalischen Partner des seit Jahren zu den besten seines Fachs gehörenden Saxophonisten, der auch alle Kompositionen dieses Albums geschrieben hat. Es ist ein Traumquartett, das eine ästhetische Sicherheit wie ein seit langem zusammengeschweißtes klassisches Kammermusik-Ensemble ausstrahlt.

Schon wieder eine ganz andere Atmosphäre: Ein Album, um sich hörend fallen zu lassen in packende Stimmungen. "Return from the Stars", nach einem Buchtitel des Science-Fiction-Autors Stanislaw Lem, heißt es. Es erzählt von einem Astronauten, der bei seiner Rückkehr zur Erde eine stark veränderte Welt vorfindet. Man muss gar nicht ins All reisen, um in der heutigen Zeit dasselbe festzustellen. Mit den herausfordernd klaren Tönen Mark Turners im Ohr kommt man dabei immer wieder in großer Ruhe zu sich. (Roland Spiegel, www.br-klassik.de, 2022)

„Lathe of Heaven“, Mark Turners 2014 erschienene Quartetteinspielung für ECM, wurde vom Guardian einmal als „Birth of the Cool“ fürs 21. Jahrhundert bezeichnet. Da ist es nur logisch, dass der Nachfolger, den der Tenorsaxofonist mit einer bis auf Bassist Joe Martin neu formierten Band aufgenommen hat, so anfängt wie ein Update von „Kind of Blue“. Das samtene, perfekt austarierte Zusammenspiel von Saxofon und Jason Palmers Trompete lässt im Opener „Return from the Stars“ wie auch in „Terminus“ an den Miles Davis der „Freddie Freeloader“-Zeit denken.

Für Turner ist dieser Klang aber nur die Startrampe, um sich und sein Quartett in eine Welt zu katapultieren, die gleichzeitig so fremd und so vertraut ist wie die Erde in Stanisław Lems Klassiker „Rückkehr von den Sternen“. In dem 1961 veröffentlichten Roman kehrt ein Astronaut nach zehnjährigem Weltall-Aufenthalt auf eine Erde zurück, auf der aufgrund der Zeitdilatation 127 Jahre vergangenen sind. Und ungefähr so kann man sich auch die Musik auf Turners zweiter ECM-Aufnahme unter eigenem Namen vorstellen. Man hört ferne Wurmloch-Echos aus dem Jazz der 1960er Jahre – neben Miles ist es vor allem Ornette Coleman, an den man denken muss – aber gleichzeitig vernimmt man eine evolutionär weiterentwickelte Sprache.

Wenn Tenorsaxofon und Trompete sich gemeinsam in lang gewundenen Linien ergehen, ist es so, als redeten sie. Manchmal, wie in „It’s Not Alright with Me“ oder „Unacceptable“ glaubt man sogar die Stücktitel als trotzig von den Bläsern ausgespuckte Wörter wiederzuerkennen. In diesen Nummern zeigt sich der für sein perfekt ausgeruhtes Spiel gerühmte Turner so expressiv wie selten; da lässt stellenweise Archie Shepp grüßen.

Dennoch bleibt alles in einer beinahe schon unwirklichen Balance: Das Kompositorische, das einen für Jazzverhältnisse ausgesprochen großen Raum einnimmt, wirkt in dem ohne Akkordinstrument agierenden Quartett aufgrund der variablen Rhythmen von Bassist Joe Martin und Drummer Jonathan Pinson nicht einengend. Wie auch das Solistische immer in einem klaren Bezugsrahmen stattfindet. Turner gelingt es so, wie ein Science-Fiction-Autor vermeintlich Unvereinbares zusammenzubringen: Gebundenheit und Freiheit, Dichte und Luftigkeit, die Vergangenheit des Jazz und seine mögliche Zukunft. Spröde, aber spannend. (Josef Engels, Rondo-Magazin)