Do 7. Juli 2022
20:30

Karl Ratzer Quartet (A/USA)

Karl Ratzer: guitar, vocals
Ed Neumeister: trombone
Peter Herbert: bass
Howard Curtis: drums

Die Republik würdigt zwei Jazzaktivisten: Über vom Staat geherzte Künstler dieses Genres, von den USA bis Wien.

Ich rede lieber zu Hause mehr als in der Öffentlichkeit, aber ich möchte mich bedanken bei all meinen Freunden und meiner Frau.“ Murmelte Österreichs Paradegitarrist Karl Ratzer nach Erhalt der Urkunde, die zum Führen des Berufstitels „Professor“ berechtigt. Er war gerührt. Aber nach all den Höhen und Tiefen seines Lebens ist so eine späte Ehrung nur ein Ornament mehr. In den 1960er-Jahren geisterte er mit seiner Beatband Slaves in Rauschgifthöhlen wie dem San Remo (dem heutigen Camera Club) herum, begleitete in den 1980ern den schwer heroinsüchtigen Trompeter Chet Baker und strauchelte selbst oft wegen seiner Dämonen. Dass er eines Tages staatlich geehrt werden sollte, war damals unvorstellbar.

Überhaupt sind staatliche Ehrungen von Jazzmusikern, die sich eher selten durch bürgerliche Lebensführung empfehlen, eine recht junge Angelegenheit. In den USA erkannte man früher die Magie des Jazz, der auch den freien, amerikanischen Lebensstil propagierte. Das State Department betrieb ab 1958 so etwas wie Jazzdiplomatie. Es schickte Granden wie Ellington, Louis Armstrong, Benny Goodman und Dave Brubeck in die Welt, um den American Way of Life zu bewerben. Richard Nixon ehrte Duke Ellington 1969 mit der Freedom Medal, der höchsten zivilen Auszeichnung. Jimmy Carter veranstaltete als erster US-Präsident ein Jazzfestival am South Lawn des Weißen Hauses. Neben Konsensmusikern holte er dabei auch ausgewiesene Avantgardisten wie Cecil Taylor und Ornette Coleman.

Wäre so etwas auch in Wien denkbar? Christoph Huber, Maître des Jazzclubs Porgy & Bess und Laudator für Ratzer, meint ja und verweist auf die Jazzaffinität der letzten drei österreichischen Bundespräsidenten. Thomas Klestil war nicht nur ein Freund von Joe Zawinul, sondern auch einer, der das Genre liebte. Gleichfalls Heinz Fischer, der in Vorwahlzeiten gern bei Ahmad-Jamal- und Cassandra-Wilson-Konzerten auftauchte. Und schließlich Alexander Van der Bellen, der sich bei einer vor etwa 20 Jahren im Porgy abgehaltenen Buchpräsentation reschen Jazz von Ornette Coleman gewünscht hat.

Ganz anders als Bob Dylan
Obwohl der Jazz ein Image als widerständige Musik genießt, lassen es sich seine Protagonisten gern gefallen, offiziell geherzt zu werden. Ganz anders ein Bob Dylan, der die Sonnenbrille aufbehielt, als ihm Barack Obama die Friedensmedaille umhängte. Oder das hiesige Electronica-Duo Kruder & Dorfmeister, das 14 Jahre keine Zeit fand, das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien entgegenzunehmen (2017 war es so weit). In Frankreich werden verdiente, auch ausländische Künstler in die Ehrenlegion aufgenommen; in Großbritannien werden sie von der Queen oder von Prince Charles geadelt oder wenigstens mit einem OBE (Order of the British Empire) ausgezeichnet. Da werden auch Vertreter der zornigen Arbeiterklasse handzahm. Ray Davis von den Kinks etwa oder der gern polternde Van Morrison. Auch Mick Jagger wurde knieweich, als der Säbel der Monarchie an seine Schulter klopfte. Keith Richards opponierte. Wie die Queen selbst, die sich krankschreiben ließ – Prince Charles musste übernehmen.

„Wir sagen zu Ratzer seit Langem Sir Karl. Jetzt zieht die Republik nach“, scherzte Huber, der das Ehrenkreuz für Verdienste um Wissenschaft und Kunst erhielt. Zum Schluss stimmte Ratzer Gershwins „I Loves You, Porgy“ an. Die zunächst zögerlich gespielten, etwas zerzausten Blue Notes schmiegten sich am Ende elegant aneinander. (Samir H. Köck, Die Presse 26. Januar 2022)

Hier finden Sie die Laudatio https://porgy.at/news/52/