Mo 2. Mai 2022
20:30

Michael Mantler 'Concertos' (A)

Michael Mantler: compositions, trumpet (Soloist)

Janus Ensemble directed by Christoph Cech
Christoph Cech: conductions, drums (Soloist)
Alois Eberl: trombone (Soloist)
David Dornig: guitar (Soloist)
Maximilian Kanzler: mallets (Soloist)
David Helbock: piano (Soloist)

Annegret Bauerle: flute
Peter Tavernaro: oboe
David Lehner: clarinet
Fabian Rucker: bass clarinet
Jakob Gnigler: tenor saxophone
Reinhard Zmölnig: horn
Gabriel Bramböck: tuba
Joanna Lewis, Tomas Novak: violin
Anna Magdalena Siakala Teurezbacher: viola
Arne Kircher: cello
Tibor Kövesdi: bass

Program
Trumpet / Guitar / Saxophone / MarimbaVibe / Trombone / Piano / Percussion

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Konzertante Klangebene

Michael Mantler und das Porgy & Bess bilden aufführungstechnisch eine wunderbare Symbiose. Erneut kehrte der bedeutende österreichische Komponist und Trompeter, der vor fast 60 Jahren den damals neuen, der freien Improvisation zugewandten Jazzströmungen gültige, solitäre Möglichkeiten flexibler, orchestraler Organisationsprinzipien auf den Leib schrieb, in den europaweit bedeutendsten Jazzclub zurück. Mit der erstmaligen Wiederaufführung seiner 2007 beim Jazzfest Berlin uraufgeführten „Concertos“. Textbezüge und deren vokale Umsetzung hat er bei diesem Werkzyklus außen vorgelassen. Die Stücke verlangen ein Kammerorchester, welches gleichermaßen ImprovisatorInnen und InterpretInnen miteinschließt. Und abermals legte er die „Wiener Umsetzung“ vertrauensvoll in die Hände jenes Mannes, mittlerweile wäre dieser als Bruder im Geist zu bezeichnen, der jazzweltweit eine führende Kapazität für großorchestrale Ausformungen ist: Christoph Cech. Ebenso wie Mantler ein begnadeter, unentwegt forschender „Kompositionsunruhegeist“. Cechs Janus Ensemble war diesmal die musikalische „Exekutive“. Gemeinsam, das sei gleich vorweg verraten, erarbeiteten Mantler und Cech eine Intensität und Geschlossenheit in der Umsetzung des mantlerschen Materials von seltener Güte. Explizit die Verschränkung von analytischer Werkdurchdringung mit spontaner Spielfreude.

„Konzert“ bezeichnet im klassischen Kanon eine virtuos gestaltete Komposition für Soloinstrument(e) mit Orchester. Sehr wohl mit Kompositions-, Formenlehre, also den Quellen europäische Musik, vertraut, hat Mantler seine „Concertos“ einem ureigenen Zugang unterzogen. Einen im dem die spezielle Charakteristik des jeweiligen Soloinstrumentes, gepaart mit der Individualität der SolistIn – einem festgelegten sowie improvisatorischem Verlauf folgend - umgarnt von oder in Korrespondenz mit den determinierten Ensembletexturen, ausgeleuchtet werden soll. Hiermit kommt die nach wie vor lodernde avancierte Jazzneigung des Trompeters in Spiel. Jene Diktion, dass die festgeschriebenen orchestralen Partituren wohlweislich auch Phantasiezündstoff für die ImprovisatorInnen bieten sollen, verfolgt Mantler seit den Gründungstagen des Jazz Composer´s Orchestra. Über all die Zeit hat er dieses Prinzip immer weiter verfeinert, ausdifferenziert. Hinzukam im weiteren Verlauf der Einbezug von Funktionselementarem eines unkonventionellen Rockidioms. Eingewoben in einen ausgeklügelten Raster des Denkens, der seiner Kompositionslegierung aus avantgardebestrebten Jazz-, Rock- und europäische Moderne-Einfärbungen singuläre Inhaltlichkeit zuteilt.

Sieben Stücke umfasst nun besagte „Concertos“-Serie. Im Zentrum stehen die Instrumente, die auch die Stückebzeichnung abgeben, „Trumpet“, „Guitar“, „Saxophone“, „Marimbavibe“, „Trombone“, „Piano“, „Percussion“. Das Eröffnungsstück stellt Mantler selbst heraus. Mit seinem spröd narrativen Trompetenspiel - einen schnörkellosen, scharf skizzierten Ton eigen – das einem unkonventionellen, langnotigen Melos folgt, dunkle Klangbereiche favorisiert. Immer noch speziell. Hiermit definiert Mantler, wie er die Rolle der weiteren Solisten sieht. Als integrativer Teil der kollektiven Verdichtung thematischer Entwicklungen zu Klangfiguren, die permanenten Variationen unterliegen. Bewegungsdynamisch einem Mid-Tempo folgend, das allerdings dann und wann heruntergedrosselt wird. Wesentliches Faktum der Stücke ist zudem die Wechselwirkung zwischen Klangfarbenkomponieren, mit der typischen mantlerschen Schattennote, und Komponieren im konventionellen Regelsystem, wobei ersterem oftmals die dominierende Bedeutung zukommt. Diesbezüglich spielt Mantler wunderbarst mit Klangfarbenreibungen. Ebenso mit kniffligen Taktwechsel, partikularen Klangereignissen, die sich zu kontemplativen Flächenwanderungen verwandeln. Erzielt werden somit polyphone Raffinessen, dramaturgische Hochspannung, umfasst von freitonalen Harmoniekonturen. Das Klangbild bleibt immer schlüssig und transparent. In Szene gesetzt von einem grandios aufspielenden Janusensemble. Christoph Cech dirigiert dieses nicht einfach, sondern bringt die einzelnen Stimmen in außerordentliche Kongruenz. Was die Vermutung anstellen ließ, dass auch versteckte Details der Kompositionen ans Ohr drangen. Auch die restlichen Solisten, allesamt aus den Reihen des Janusensembles, gehen in Mantlers Musik auf, treiben in einem Inspirationsstrudel und gelangen zu Imaginationsdurchbrüchen. Jakob Gnigler am Tenorsaxophon, balladesk bis räudig, frenetisch und besonders hervorstechend, David Dornig an der E-Gitarre, der haargenau jene rockästhetische Spur wie Mantler sie schätzt, fand. Max Kanzler vollbrachte neben enormem Geschick für die Partitur das Kunststück, punktgenau zwischen Marimba und Vibraphon hin und her zu huschen. Den Posaunenpart zur Reife, mit bemerkenswerter Kantabilität, brachte Alois Eberl. Famose Leichtigkeit im persönlichen Ideen-, Interpretationsfluss ergoss David Helbock in seinem Solostatement über die Hörenden. Abschließen übernahm der Ensembleleiter, passionierter Drummer zudem, das Percussion-Feature. Subtil klangorientiert einerseits, mit kernig rockgrooved andererseits. Wie´s der Meister eben krachen lassen will. Musikerfindung und Ausführung erreichten in einer Korrespondenz sondergleichen, ein gemeinsames Plateau.

„Many Have No Speech“ betitelte Michael Mantler einst eine seiner LPs. Er hat EINE gewichtige in der zeitgenössischen Musik (in ihrer Gesamtheit gehört), nach wie vor. (Hannes Schweiger)