Sa 25. Dezember 2021
20:30

Die Gewürztraminer & Da Gmischte Satz ‘A bissl übertrieben’ (A)

Die Gewürztraminer
Gidon Oechsner: vocals, guitar
Marco Filippovits: vocals, guitar
Julian Wohlmuth: guitar
Atanas Dinovski: accordion
Daniel Schober: bass
Daniel Neuhauser: drums, vocals

Da Gmischte Satz
Markus Pechmann: trumpet
Herbert Berger: tenor saxophone
Martin Schiske: trombone, tenorhorn
Dario Schwärzler: tuba

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Mit dem neuen Album "A bissl übertrieben" meldet sich die Wiener Szeneband "Gewürztraminer" zurück und präsentiert Gypsy Balkan Mundart Pop in seiner vollen Bandbreite. “No Borders” könnte durchaus auch als Slogan für die Platte herhalten, wird doch hier vor keinem Stil Halt gemacht. Filigrane Worldmusic mit Gitarren und Akkordeon, im fliegenden Wechsel zu HipHop Beats und Rock Bombast. Dieses vielfältige Klangbild wird mit Wortspielereien und Sarkasmus in Mundart versehen und ergibt den einzigartigen Gewürztraminer Sound.

Zwischen Seeed und EAV sind die Texte stilistisch angesiedelt, hinter dem Geblödel versteckt sich aber nicht selten ein ernster Hintergrund – tanzbare Musik muss nicht belanglos sein. "Sweet Sweet Gypsy Jazz" knüpft musikalisch fast nahtlos an den Hit "Tanzverbot" an. Der "Gmischte Satz" verleiht dem Ganzen noch eine gehörige Portion Zunder, ganz zu schweigen von Herb Bergers Saxsolo, das selbst Joe Cocker das Wasser in die Augen treiben würde. Die "Ode ans Verlieben" ist der klassische Sommerhit. Der stampfig Swing wird jetzt abgelöst von Dancehall und lateinamerikanischem Feeling. Die Brass Section ballert ihre Hooklines dazu, das Ganze wird wie immer versehen mit einem irrwitzigen Text der sich mit den Vorlieben verschiedenster Personen auseinandersetzt und außerdem die von Franz bevorzugte Art der Fortbewegung beinhaltet. Für eine Abkühlung sorgt in weiterer Folge "Tschü Amoi". Die Reggaenummer erzählt eine Geschichte von in Prokrastination ausartender Entspannung, die weit über das gesunde Maß hinauswächst: letztendlich wird nicht einmal mehr der Ofen weitergeraucht, das Bett nicht mehr verlassen. Kurz wach gerüttelt von Marcos Shout versinkt der Protagonist und mit ihm der Zuhörer wieder in selbstgefälliger Ignoranz dem Leben und der Realität gegenüber.

Uptempo Swing mit Ska, Soul und Rockgitarrengewitter, wie soll sich das in einem Song ausgehen? Die Antwort liefert "Gewinner". Im Kontrast zu "Tschü Amoi" besingt Sänger Gidon Oechsner hier den Kapitalismus- und Digitalisierungsfanatiker, der nach Reichtum und Onlinepräsenz lechzend durchs Leben rast und gar nicht schnell genug vom einen Post zum nächsten eilen kann. Zum Abschluss der A Seite lässt Atanas Dinovski mit einer Komposition aufhorchen, die eine perfekte Brücke zwischen Balkan und Gotan Project schlägt. "A night in Dinovski" lässt Tango und 7/8-Rhythmen elegant verfließen und entführt den Zuhörer auf eine Reise von einem kleinen mazedonischen Dorf ins andalusische Hügelland und wieder zurück. Mit "Zwefendi" geht es auf der B Seite gnadenlos weiter, der traminische Wahnsinn scheint in dieser Balkanoper kein Ende zu finden. Stefan Dettl von LaBrassBanda macht schließlich den Sack zu und der besungene Kalif gibt seine Kriegstreiberei und den Waffenhandel auf um sich tanzend der Musik der Wiener Friedensbringer Gypsy Balkan Swinger hinzugeben. Weiter geht's mit einem hübschen Walzer der Julian Wohlmuth und Olivier Kikteff an den Gitarren ins Rampendlicht hebt – Augen zu und am besten mit einem Glas Wein genießen. "Jo I was I bin a Kiwe" singt Gidon Oechsner am Anfang von "Am Sand". Der Titel ist trotz rumänischen Folk-
Grooves textlich ganz im Stile Gerhard Bronners gehalten und der Protagonist besingt, man könnte fast sagen beschwert sich über die Beziehung zu seinen Eltern. Das Ganze wird kurz unterbrochen von tänzelnden Balkangitarren um dann wieder im Mitleid heischendem Gequängel unterzugehen. "Bessarabiata" ist am ehesten als eine traditionell gehaltene Balkanmelodie in einer Bearbeitung von Fanfare Ciocarlia und Muse zu beschreiben. Unterstützt vom Bachartigen Bläserchoral schraubt sich die Band, gezogen von Akkordeon und Gitarren, zum Höhepunkt. "Ich liebe dich (wegen meines Körpers)" ist sozusagen das versöhnliche Ende nach dieser virtuosen Notenschlacht und erinnert an die Schlager der 40er Jahre. Das Single- und Datingleben nimmt Marco Filippovits auf die Schaufel und singt mit der glockenklaren Stimme des perfekten Schwiegersohns die süßliche Melodie mit einem gar nicht so harmlosen Ende. Ohne Zweifel ein höchst interessantes, unterhaltsames, lustiges, tanzbares Hörerlebnis! (Pressetext)