Fr 17. Dezember 2021
20:30

Schlippenbach Trio 'Winterreise 2021' (D/GB)

Alexander von Schlippenbach: piano
Evan Parker: tenor, soprano saxophone
Paul Lytton: drums

Drei illustre, europäische Jazzgeschichtsschreiber der radikal progressiven, frei improvisierten Neigungsgemeinschaft der ersten Generation auf ihrem alljährlichen mittlerweile schon kultigen Trip. Sie schritten zu den Instrumenten und im nächsten Moment war die Musik konkret. Vorgabenfrei improvisiert. Musikalischer Induktionsvorgang. Jedoch ganz deutlich nehmen in der heutigen Haltung, im ästhetischen Empfinden jedes einzelnen die Aufbereitungsschritte der Jazz Moderne eine wichtige Auslöserfunktion ein. Schlippenbach, Parker , Lytton, wie auch viel andere Mitstreiter hatten, hört man genau hin, nie die Versorgungsstränge der Jazzhistorie gekappt. Offen rekonstruiert, bedingungslos aufgedröselt mit geräuschhaften, komplex geschichteten Klangqualitäten gekreuzt haben sie sie. Und ein außergewöhnliches Vermögen hinsichtlich spontaner „Formenlehre“ wurde entwickelt. Speziell das Schlippenbach Trio ist dahingehend wegweisend. Annähernd fünf Jahrzehnte in einem Evolutionsprozess. Ad hoc und konstruktivistische Prinzipien gehen in hierarchieentkoppelten Kollektivschaffen im Einen auf. Verklanglicht mit singulären Stilistiken. Fast von Anbeginn war die inhaltliche Qualität des Dreigestirns im „Hochgebirge“ angesiedelt. Diesmal wieder einen exzellenten Aufstieg darbietend. Zwei große Bögen wurden ohne Spannkraftverlust erimprovisiert. Souverän dabei die Gelassenheit bei der Übung wie man Musik atmen lässt - panta rhei. Schlippenbach entwarf wunderbare, weiträumige Harmoniegebilde in der Paarung feingliedrige sperrige Cluster und monkscher Bizarrheit, schlichte wie komplexe Melodiefantasien. Zwischendurch Ereignislosigkeit zulassen, Räume freigeben. Dem nächsten Ereignis Anlass geben. Gleichem Ansinnen folgt Evan Parker. Er hat seine singuläre Spielweise immer expliziter ökonomisiert. In unterschiedlichen Längen gliederte er seine Tonketten, all die typischen Spezifika aufweisend, und schmiedete daraus dynamikflexible Soundscapes. Und, seine Sozialisation durch Coltrane schreibt er nun, ohne Epigonalismen, noch deutlicher fest. Seit geraumer Zeit ist ja der andere Paul, der Lytton, der den Ur-Drummer Paul Lovens am Schlagzeugstuhl beerbte, der dritte im Bunde. Über das warum gibt es viele Spekulationen. Rhythmusstrukturelle wie perkussivklangliche Unterschiede liegen offen am Set. Lovens denkt, spielt raumgreifend, modelliert die Klänge, lässt ihnen Zeit. Lytton hingegen bündelt die Klangereignisse, reiht Skizzen fragmentarische aneinander, betreibt ein luftiges, aperiodisches Pulsieren, womit er kommentiert, konterkariert, antreibt. Der eine Ansatz ist gegen den anderen keinesfalls aufzuwiegen. Das „Bewegungsprofil“ Lyttons ist lediglich quirliger, mit anderen Eigenheiten.

Ton, Laut, Klang, Geräusch, rhythmischer Puls, harmonische Weitläufigkeit – unorthodox und geläufig - wie auch melodisches Querdenken, weg wie hin zur Temperiertheit – eine Verschmelzung. Gepflogenes Idiom gilt als relevantes Kapitel des Jazzklassizismus. Der Deutung des Schlippenbach Trios ist fraglos Ewigkeitsgültigkeit eingeschrieben.

Analogie: Freie Musik in der Töne nur so herausschießen, gleiten, kurven. Wie Vögel in der Luft. Wie Fische im Meer (Varèse). (Hannes Schweiger über das Konzert vom 19. Dezember 2019)