Mo 3. Februar 2020
20:30

Kendrick Scott Oracle 'A Wall becomes a Bridge' (USA)

Kendrick Scott: drums
John Ellis: saxophone
Mike Moreno: guitar
Taylor Eigsti: piano
Joe Sanders: bass

"Wenn man mit Gospel in der Kirche aufgewächst, dann macht man Musik, die eine Botschaft vermittelt und einem Zweck dient", sagt Kendrick Scott. "Mit Oracle bewege ich mich auch in diesem Raum, ganz gleich, was wir spielen." Seit der Schlagzeuger die Band Kendrick Scott Oracle (kurz KSO genannt) 2005 gründete, versucht er mit ihr eine Brücke zwischen Art Blakeys Jazz Messengers und dem Film "The Matrix" (aus dem er den Namen der Band ableitete), zwischen der Jazztradition und dem Futuristischen zu schlagen. Um Botschaften und Brücken, aber auch Themen wie Unschuld, Akzeptanz, Widerstand, Angst und Unsicherheit geht es auf "A Wall Becomes A Bridge", dem zweiten KSO-Album für Blue Note.

Wie beim Vorgänger "We Are The Drum" (auf dem Lizz Wright gastierte) vertraut Scott wieder auf sein eingespieltes Team, das sich aus Saxophonist John Ellis, Keyboarder Taylor Eigsti, Gitarrist Mike Moreno, Bassist Joe Sanders und Produzent Derrick Hodge zusammensetzt. Neu dabei ist der Turntable-Virtuose Jahi Sundance, der als DJ bereits mit Robert Glasper, Mos Def, Talib Kweli und Meshell Ndegeocello tourte und den Songs von KSO neue Dimensionen verleiht.

Für "We Are The Drum" hatte Kendrick Scott vor vier Jahren glänzende Kritiken geernet. Das Album, schrieb JazzTimes damals, "wäre seinen Preis schon allein wegen Lizz Wrights seufzend gesungener Interpretation der wundervollen, melodisch unkonventionellen Ballade 'This Song In Me' wert. Aber das dritte Album von Drummer Kendrick Scotts Quintett Oracle bietet noch zehn andere schöne Tracks, von denen ein jeder mit einer Behutsamkeit konstruiert wurde, die selbst den wenigen Uptempo-Songs noch Sanftheit verleiht."

Doch als die Zeit gekommen war, an diesen Erfolg mit einem neuen Album anzuknüpfen, fand sich Scott plötzlich in einer kreativen Sackgasse wieder. Nichts von dem, was er schrieb oder spielte, schien ihm gut genug; wo früher Inspiration geflossen war, bildeten Selbstzweifel plötzlich eine Blockade. Aus der Klemme half ihm schließlich Derrick Hodge, der anfangs der Bassist von KSO gewesen war und als Produzent heute, wie Kendrick es ausdrückt, "das sechste Mitglied von Oracle ist". "Derrick sagte: 'Wir müssen uns deine Ängste und Unsicherheiten zu Nutze machen und auf künstlerische Weise mit ihnen auseinandersetzen."So packte Scott alle Kompositionen, an denen er gearbeitet hatte ein - sowohl fertige als auch unfertige - und nahm sie ins Studio mit, um sie dort mit Hodge und den Musiker seiner Band fertigzustellen.

Entstanden ist dabei ein fantastisches neues Album, das nicht umsonst den Titel "A Wall Becomes A Bridge" trägt. Der Titel ist nicht nur eine Anspielung auf die "Mauer" in Scotts Kopf, die seine Kreativität vorübergehend ausgebremst hatte. "Eine Mauer ist eine Provokation", sagt der Schlagzeuger, der mit seiner Musik auch immer Diskussionen anstoßen möchte. "Mir schwebte auch vor, hier auf einen bestimmten Präsidenten anzuspielen." Während die meisten wohl argumentieren würden, dass Nummer 45 ganz Mauerbauer und in keiner Weise Brückenbauer ist, sieht Kendrick Scott in diesem zunehmend absurden politischen Zeitalter durchaus einen Silberstreif am Horizont. "Mit all diesen verschiedenen Problemen, die nun zum Vorschein kommen, können wir jetzt sagen: 'Dinge wie systemischer Rassismus existieren immer noch und wir müssen uns damit auseinandersetzen.' Mehr Menschen achten genau darauf, was die Regierung macht, und diese Intensität ist das, was wir brauchen - es zeigt auch, wie wichtig es ist, wie wir wählen und wie wir leben und wie wir mit anderen umgehen."

KSOs Geheimwaffe auf "A Wall Becomes A Bridge" ist der Turntable-Künstler Jahi Sundance, der wirklich in die Band integriert wurde. "Bei solchen Konstellationen spielt die Band meist über das, was der DJ vorgibt", erläutert Scott. "Aber Jahi wurde zu einem integralen Teil von Oracle." (Jazzecho)