Mi 12. Dezember 2018
20:30

Georg Graewe & Sonic Fiction Orchestra (D/A/I/AUS)

Georg Graewe: piano
Frank Gratkowski: clarinets
Maria Gstättner: bassoon
Sebi Tramontana: trombone
Sara Kowal: harp
Martin Siewert: guitar
Joanna Lewis: violin
Margarethe Herbert: cello
Peter Herbert: bass
Wolfgang Reisinger: drums

Zum Auftakt seiner musikalischen Lecture, die er in der neuen Saison im Rahmen des mehrteiligen „Stage Band – Versuchslabors“ konkretisieren und ausdifferenzieren wird, pflückte Georg Graewe eine unbegleitete Klavierimprovisation von seinem opulenten musikalischen Lebensbaum. Kristallklarem Wasser gleich, ergossen sich die Tongirlanden in einem umfassenden diatonisch/chromatischen Ausmaß in nach außen verschobener Konzentration von Dissonanz und Konsonanz, in den Raum. In dieser Geste war schon eingeschrieben wie die Raumschaffung in seiner „Komprovisation“, so könnte man die Konzeption auf einen Nenner bringen, angelegt ist. In einem dynamisch divergierenden Prozess formten sich binnen kürzester Zeit Aggregatzustände von fast greifbarer Plastizität und eigengesetzlicher ästhetischer Gültigkeit. Graewe hat dem Anlass gemäß ein großformatigeres Ensemble mit einer sehr spezifischen Klangcharakteristik, durch Verwendung von Instrumenten mit unterschiedlicher Kulturgeschichte, zusammengestellt. Wie bereits angedeutet standen präzis determinierte Strukturabläufe in ausgewogenem Verhältnis zu den freigelassenen, durchs freitonale Kontinuum flanierenden Improvisationen. Hinsichtlich der ersteren schloss Graewe fintenreich Grundüberzeugungen der seriellen Musik und aleatorische Verfahren kurz. Als Bezeichnung läge einem fast die neue Begrifflichkeit „Seriatorik“ auf der Zunge. Die daraus resultierenden Klangeindrücke ließ der Pianist/Komponist jedoch nie die Oberhand gewinnen. Denn die wohlkanalisierte, zwanglos kontrollierte, jazzidiomatische Bewegungsenergie vertrat im selben Maße ihre Wertigkeit. Bravourös verantwortet vom Gespann Peter Herbert und Wolfgang Reisinger. Sie formulierten nicht in Takteinheiten sondern in rhythmischen Bögen. Mit metrischer Ungebundenheit und freilaufenden Akzentuierungen vor allem Seiten des Schlagzeugers. Ausgetragen auf dem Spielfeld eines, so gewann man den Eindruck, mehrteiligen Werkes. Mit ausgesprochener Sensorik für das Ineinandergreifen von horizontalen und vertikalen Entwicklungsabläufen schuf Graewe eine weitere Spannungsqualität, wie ebenso mit der luftdurchfluteten Konsistenz der Strukturen. Feingliedrigkeit, partiell Feinteiligkeit hoben gleichfalls den kammermusikalischen Duktus hervor. Doch diese nuanciert vielgestaltige Klangerzählung war auch kraftkämmerisch. Wenn sich z.B. harmonische Expansionen in scharfkantigen Tutti entluden, aber vor allem bei diversen solistischen Freigaben. Dabei zeigten sich alle von Graewes Erfindungsreichtum in den Bann gezogen.

Außerordentliche „Brandherde“ waren die Inselfunktionen zweier Trios. Einerseits jenes gebildet von Graewe/Peter Herbert/Reisinger, mit wirbelndem Interplay, anderseits jenes mit Siewert/Peter Herbert/Reisinger, mit entschleunigtem Rockapproach in der „Freihandelszone“. So labyrinthisch die Musik konzipiert war, was ihr Urheber nie überzeichnete, so leichtfüßig erhob sie sich „in the air“. Wie viele Versuche einer Verdrahtung von Organisationsprinzipien der europäischen Musiktradition und der Jazz Moderne wurden schon unternommen. Vieles sehr ambitioniert (einiges über..) mit schlüssigen Ansätzen – aber bei Georg Graewe ist es einOrganismus. Ein Organismus der die heute gewichtigsten Inhalte diesbezüglich in Klang setzt. Ostentativ für das Ensemble waren sicherlich die Ausgestaltung und Erschallung der Tondichtung – sie waren brillant darin.

Fußnote: Das Gesamtklangbild könnte eine dosierte lautstärketechnische Nachjustierung vertragen.

Fußnote 2: Werte Hörerschaft, ob Sonic Youth oder Sonic Elders, die Sonic Fiction hält eine außergewöhnliche Klangerfahrung bereit und harrt der Erkundung. (Hannes Schweiger, über das Stageband-Auftaktkonzert im September)

Versuchsanordnung Nr. 2: Georg Graewe arbeitet in diesem Projekt mit einem variablen Modulsystem. Von Mal zu Mal kann er dieses umgruppieren, Module entfernen bzw. neue hinzufügen, oder auch nur Details verändern. Das hat gleichfalls zur Folge, dass die Improvisationen die das dazwischenliegende Brachland erwecken, wechselnde Dramaturgien aufbauen. Beeindruckend ist zunächst, wie gleitend Graewe die Übergänge zwischen den Andockstellen der Module organisiert, aber auch das Ineinandergreifen von komponierten Einheiten und improvisatorischen Ornamentierungen aufbereitet. Kongenial und mit großer Flexibilität reagieren die MusikerInnen darauf. Hälfte Eins des Konzertabends: angelegt als durchgehender Ereignisbogen. Mit einem feinteiligen „Mobile“ setze der Leiter diesmal die Schallwellen in Bewegung. Hingetupft von den Blas- und Saiteninstrumenten. Diese kontinuierlich eingepflanzten kleinen Skizzen, in unterschiedlichsten Instrumentierungen realisiert, dienten der Gliederung, der Stimmungsverlagerung, als Auslöser improvisatorischer Weiterführungen. Im Zusammenschluss zu größeren Formen erlangten sie spannendste Wechselwirkungen zwischen vertikaler und horizontaler Ereignishaftigkeit bzw. kontrapunktischen Finessen. Gebündelt in sinnlicher Abstraktion. Von ihrer Binnenstruktur her, besaßen die Motive eine kleine Intervallik, sich reibende Harmonien, verquere Melodierhythmik. Seitens der Charakteristik reflektierte die Musik Klangeindrücke der Dodekaphonie, ließ eine Nähe zur Ästhetik serieller Musik erkennen, frönte aber zweifellos einer eigenen, uneingeschränkten tonalen Ausleuchtung. Verlaufend in einer höchst elastischen Rasterung. Dennoch Graewes Quellgebiet ist der Jazz ab dem Bebop Umbruch. Im Besonderen verschränkt er in seinem Spiel Tristanoeskes mit Taylorismen nach seiner Facon anhand federnder Virtuosität, ohne je in übersteigerte Exzessivität abzugleiten. Analog sein Zugang zu Formmodellen. Dafür war erneut die Trio-Improvisation mit Peter Herbert und Wolfgang Reisinger, in der Graewe feinfühlig die Freitonalität mit einiger „Schallgeschwindigkeit“, angestachelt von eloquenter rhythmischer Narrativität, ausreizte, ein zwingender Beweis. Gleichartiges lancierte das keck ausreißende Trio Siewert/Herbert/Reisinger. In Hälfte Zwei war die Tondichtung, selten passt diese Umschreibung besser als wie bei Graewes Kunst, in mehrere Kapitel unterteilt. Das Bereichern/Ergänzen zwischen klassischer Moderne und progressiver Jazzauffassung war nun verdichteter und wies noch schärfere Konturen auf. Die Inhaltlichkeit improvisatorisch vertiefend, reüssierten diesmal die Duos Gstättner/Gratkowski bzw. Lewis/Graewe – leidenschaftlich lodernd. Georg Graewes Querdenken hat nichts Verbohrtes. Zu zwangsbefreit ist seine Erfindungsgabe, seine Klangsprache, seine Vision. Zu freimütig schlagen die zwei Seelen, jene der europäischen Tradition und des Jazzvermächtnisses, in seiner Brust. New Sonic Art. (Hannes Schweiger, über das Konzert am 17. Oktober)