15. August 2016
Von Christoph Huber

Tätigkeitsbericht 2016

Das Porgy & Bess ist einer der besten Live-Clubs in Europa und ich freue mich immer, wenn ich dort auftreten kann. (Lee Konitz)

 

Allgemein: Das Porgy & Bess versteht sich als Jazz & Musicclub mit pluralistischem Programmangebot. Das Porgy & Bess fungiert als Ort der musikalischen Begegnung, Auseinandersetzung und Konfrontation für Musiker und Publikum. Hauptaugenmerk liegt auf der Realisierung einer Struktur, welche die vielfältigen Artikulationsmöglichkeiten der heimischen (Jazz-)Szene bzw. neue Entwicklungsperspektiven berücksichtigt (z. B. die Arbeit mit internationalen Gastmusikern). Des Weiteren ermöglicht ein Club, der als „meeting point“ der heimischen kreativen Szene fungiert, Erfahrungsaustausch über stilistische und ästhetische Grenzen hinweg, ist Experimentierfeld für unterschiedlichste Projekte, die nicht dem Diktat eines „ultimativen Statements“ unterliegen müssen, ein Podium für kontinuierliche Weiterarbeit und -entwicklung. Eine Hauptintention des Porgy & Bess ist die Kooperation heimischer Musikerinnen und Musiker unterschiedlichster künstlerischer Herkunft, was der Tendenz einer musikalischen Ghettoisierung entgegenwirkt.

 

Die europäische Jazzszene hat sich in den letzten Jahrzehnten endgültig als eigenständige und innovatorische Kraft im Jazz etabliert. Nachdem sich das P&B als europäischer Jazzclub definiert, ist es selbstverständlich, kreatives europäisches Musikschaffen zu präsentieren. Kooperationen mit europäischen Partnern sowohl in der Club- (Moods/ Zürich, Jazzhouse/Kopenhagen, Stadtgarten/Köln, Unterfahrt/München, AMR/Genf, Bimhuis/Amsterdam...) als auch in der internationalen Festivalszene (Le Mans, Moers, Berlin ...) beleuchten verstärkt differenzierte Bereiche außerösterreichischer Improvisationsauffassungen. Intensive Kontakte vor allem mit Veranstaltern und Musikern des ehemaligen Ostblocks (Slowakei, Tschechien, Ungarn, Polen, Bulgarien, Rumänien, Litauen, Russland, Estland, Serbien-Montenegro, Kroatien, Albanien ...) führen zu einem internationalen Kulturaustausch (siehe Festivalserie „Step across the border“).

Jazz wird historisch als afro-amerikanische Musik definiert, und immer noch kommen innovatorische Impulse aus dem „Mutterland des Jazz“: zwei gute Gründe, warum einerseits die großen amerikanischen Solisten dieser Musik, andererseits auch die nachstrebenden Generationen programmatische Berücksichtigung finden.

 

Zu den Facts: Der „Hauptraum“ des P&B wurde 2016 an 330 Tagen mit insgesamt 370 öffentlich zugänglichen Produktionen bespielt. Dazu kamen 76 Konzerte in der Strengen Kammer und 5 Vernissagen in unserem Ausstellungsraum, der Public Domain. Im Jahr 2016 besuchten über 70.500 Personen die Veranstaltungen im Hauptraum des P&B. Dazu kommen mehr als 1.700 Besucher in der sogenannten Strengen Kammer.

Das Gesamtbudget des P&B betrug 2016 rund 1,6 Mio €. Das Bundeskanzleramt unterstützte den laufenden Betrieb mit 150.000.- €, die Stadt Wien mit 110.000.- €, was einer Subventionierung in der Höhe von 16 % des Gesamtbudgets entspricht, die Eigendeckung beträgt demnach ca. 84 %! Knapp 5 % stammen von Sponsoren wie Thomastik-Infeld, Ottakringer, AKM, Austro Mechana, Veranstalterverband, Universal, ORF, AKG ... (Seit 2015 müssen wir den Ausfall unseres Hauptsponsors, der in der Vergangenheit ca 10 % des Jahresbudgets zur Verfügung stellte, kompensieren!) Die Eintrittseinnahmen liegen bei ca. 60 %. Die restlichen Gelder stammen aus Vermietungen und hauptsächlich aus der verpachteten Gastronomie.

Nachstehende Schwerpunkte wurden im Jahr 2016 gesetzt:

 

Januar

Nach dem bereits traditionellen Auftritt der österreichischen Gitarrenlegende Karl Ratzer wurde das Jahr mit einem Konzert des in Wien lebenden Tubisten Jon Sass eröffnet. Bereits zum wiederholten Male präsentierte der Jazz-Abteilungsleiter des Konservatorium Privatuniversität Wien, Roman Schwaller, im Rahmen der kons.jazz.afternoons vielversprechende junge Talente. Im Zentrum stand das 3-Tages-Portrait des österreichischen Schlagwerkers und Komponisten Wolfgang Reisinger, der mit unterschiedlichen Formationen zu erleben war. Neben den Auftritten von heimischen Musikern wie Max Nagl, Jazzwerkstatt Wien, Harry Sokal, Raphael Wressnig, Georg Breinschmid oder dem Projekt „Tribute to the Solitude of Frederic Mompou“ von Renald Deppe sei noch auf das Konzert des LiLu-Orchesters verwiesen, das aus MusikerInnen der Jazzabteilungen in Luzern und Linz besteht und von Christoph Cech & Michael Arbenz geleitet wird.

 

Februar

Einige herausragende Vertreter der jüngeren internationalen Szene waren zu Gast: Ambrose Akinmusire, Jamison Ross, Helen Sung, Tord Gustavsen ... seien exemplarisch genannt. Bereits zum vierten Mal fand das von Christoph Pepe Auer initiierte und kuratierte Session Work Festival statt – eine Art Leistungsschau des jungen austriakischen Jazz. Internationales Highlight war der Auftritt der Gitarristen-Legende Larry Coryell, der, wie sich leider herausstellen sollte, sein letztes Gastspiel im Club gab. Auch heuer wurde das Internationale Akkordeonfestival mit einer Gala im P&B eröffnet. Auch sei an dieser Stelle auf die Aktivitäten der sogenannten „Strengen Kammer“ hingewiesen, die sich, umsichtig kuratiert von Renald Deppe, zu einem Hotspot für die junge, experimentelle heimische Szene entwickelt hat.

 

März

„Wortspiele Wien“, ein Literaturfestival, das 2016 bereits zum zwölften Mal in der Strengen Kammer des P&B abgehalten wurde, präsentierte wieder Debüt-Arbeiten junger heimischer Literaten. Weitere Kooperationen fanden in diesem Monat mit der Jeunesse und mit dem Internationalen Akkordeonfestival statt. Im Zentrum stand ein dreitägiges Festival anlässlich des 40jährigen Bühnenjubiläums des Schlagzeugers und Produzenten Alex Deutsch, der unter dem Titel „40 Years of Smoking Drums“ ein vielfältiges und aufregendes Lineup zusammenstellte. Die Formation „JazzMed“, allesamt Ärzte, die auch Musiker sind, gab ein Benefiz-Konzert zugunsten von „Ärzte ohne Grenzen“. Highlight waren die Konzerte der Legenden Bettye Lavette, Dave Holland, Roy Hargrove & Arturo Sandoval.

 

April

Highlight des Monats war ein Doppelkonzert am 30. April, dem UNESCO International Jazz Day, mit Steve Swallow & Christian Muthspiel und dem Jacky Terrasson Trio, das auf Ö1 live übertragen wurde und ein großes positives Feedback hatte. Internationale Stars wie Bireli Lagrene, Lenny White, Billy Cobham, Nigel Kennedy, Bill Evans, Tomasz Stanko ... waren ebenso zu Gast wie austriakische Kapazunder: Andy Winter, Walter Fischbacher, Martin Breinschmid, Monika Stadler, Elisabeth Harnik... Kooperiert wurde dieses Monat mit dem Österreichischen Komponistenbund mit der Film-Composers’ Lounge, mit dem Veranstalter Barracuda und mit der Sozialeinrichtung Neunerhaus. Der österreichische Weltstar Conchita gab im P&B das erste Live-Konzert mit Band, das innerhalb weniger Stunden ausverkauft war.

 

Mai

Internationale Stars wie Gonzalo Rubalcaba, Mario Biondi, David Murray, Geri Allen, Terry Lyne Carrington, Jack DeJohnette (Solo am Fazioli-Flügel!), Kurt Rosenwinkel, das Sun Ra Arkestra rund um den 93jährigen Saxophonisten Marshall Allen, Al Foster, Nicola Conte, Lonnie Liston Smith ... gaben sich sprichwörtlich die Klinke in die Hand. Daneben präsentierten sich österreichische Musiker wie Christian Salfellner, Vladimir Kostadinovic, Maja Osojnik oder Robert Kainar mit ihren internationalen Projekten. Der Komponist und Tastenmeister Wolfgang Mitterer präsentierte diverse Arbeiten mit dem Ensemble XX Jahrhundert um den Dirigenten Peter Burwik.

 

Juni

Im Zentrum des Programms stand das sog. „kons.jazz.festival“, das gemeinsam mit dem Jazzabteilungsleiter der Musik und Kunst Privatuniversität Wien, Roman Schwaller, organisiert wurde bzw. die Ipop-Nights der Universität für Musik und Darstellende Kunst unter der Leitung von Markus Geiselhart, die sich ebenfalls einer größeren Öffentlichkeit präsentierte. Barbara Bruckmüller beendete ihre erfolgreiche Stageband-Reihe mit einem Konzert ihrer Big Band mit Thomas Gansch als speziellen Gast. Die Formation Studio Dan realisierte unter dem Titel „More Creatures & Other New Stuff“einen mehrteiligen Zyklus in der Strengen Kammer und auf der „Mainstage“. Mit Ed Motta beendete ein wahrer Kollos des brasilianischen Bossa Nova das Monatsprogramm.

 

Juli

Wie die letzten Jahre auch war im Juli das Jazzfest Wien zu Gast im Club, diesmal vom 1. bis zum 8. des Monats, mit Acts wie Empirical, Snow Owl, Kandace Springs, Jacob Collier, GoGo Penguin oder dem 14jährigen Wunderkind Joey Alexander. Die international gefeierte Pianistin Hiromo gab ein zweitägiges Clubgastspiel und der Pianist und Gründungsvater des P&B mathias rüegg beendete offiziell die Spielsaison mit der Sängerin Lia Pale und „Songs of the Vienna Art Orchestra“.

 

August

Die International Orpheus Music Academy gestaltete zum zweiten Mal einen Abend im P&B, und Gustavo Firmenich, Anat Fort und Marcus Wyatt bespielten punktuell die Bühne „mitten“ in der Sommerpause. Die verbliebene Zeit wurde zur Instandsetzung, Reparatur und Wartung der Technik und des Raumes genutzt.

 

September

Der große österreichische Komponist und Trompeter Michael Mantler realisierte im September seinen Song-Zyklus „Comment c’est“ mit Himiko Paganotti und dem Max Brand Ensemble. Wie die Jahre zuvor auch veranstaltete die JazzWerkstatt Wien ihr Festival „Vienna Roomservice“ und realisierte dafür ein eigens für das P&B konzipiertes Veranstaltungs-Konzept mit Konzerten von der Strengen Kammer bis in die Musiker-Garderobe und Beschallung sogar der Toiletten. In Zusammenarbeit mit Friedl Preisl bespielten wir zwei Abende lang das P&B mit insgesamt 14 Bands unter dem Titel „Mund.Art.Wien“. Außerdem wurde Anfang des Monats zum zweiten Mal der „Intercultural Achievement Award“, der vom BMIEA ausgerichtet wird, vom Außenminister Sebastian Kurz übergeben. Mit einer dreitägigen Labelnight zelebrierte Quinton sein 15jähriges Bestehen mit einem Querschnitt ihrer Produktionen, u.a. mit der brasilianischen Pianistin Bianca Gismonti. Der umtriebige Komponist, Pädagoge, Pianist, Arrangeur und Orchesterleiter Christoph Cech formierte ein Großkollektiv unter dem Namen CCJOP und präsentierte an zwei Abende seine aktuelle Bigband-Kompositionen. Diese als Trilogy angelegte Konzertserie wird 2018 im Rahmen des 25. Geburtstags des P&B abgeschlossen.

 

Oktober

„The Music of Max Fleischer“ war der Titel eine Kooperation mit dem jüdischen Museum Wien im Rahmen der Ausstellung „Stars of David“. Der Gitarrist Gary Lucas vertonte gemeinsam mit der Sängerin Tini Kainrath eine Auswahl der weltberühmten Cartoons dieses genialen Künstlers. Internationale Stars wie Vijay Iyer, Albert Lee, Vinicius Cantuaria, sein Landmann Moreno Veloso, Uri Caine, Ray Anderson, Yellowjackets, Shai Maestro, Bill Frisell & Petra Haden oder Pee Wee Ellis etc. gaben sich die Ehre und der österreichische Pianist Walter Fischbacher zelebrierte seinen 50. Geburtstag musikalisch mit Weggefährten und Freunden.

 

November

Der Titel des novemberlichen Schwerpunkts hieß „Bagatelles Marathon“ in dessen Zentrum der legendäre Komponist und Saxophonist John Zorn stand, der eines seiner äußerst raren Clubauftritte gab und an zwei Abenden mit insgesamt über zwei Dutzend Musikern Teile seines über 300 Kompositionen umfassenden aktuellen Zyklus zum Besten gab. Ein wirkiches Highlight! Wie schon in den letzten Jahren auch war „Blue Bird“ – ein dreitägiges Singer/Songwriter-Festival in Zusammenarbeit mit der Vienna Songwriter Association zu Gast. Die Jeunesse veranstaltete eine Personale von Jorge Sanchez-Chiong, der in allen drei Zyklen (zeitgenössische Musik, internationaler & heimischer Jazz) Projekte realisierte. Das KlezMORE-Festival hielt wieder seine Eröffnungs-Gala ab.

 

Dezember

Im Dezember wurden wieder die Austrian World Music Awards vergeben. Auch der Fidelio-Wettbewerb fand auf der P&B-Bühne statt. Das kons.wien.jazzorchester lud den italo/amerikanischen Arrangeur Michael Abene zu einem Gastspiel ein und im Rahmen des Festival der kroatischen Musik in Wien präsentierte der Arrangeur und Komponist Luka Udjbinac sein Orchestra. Gemeinsam mit dem Music Information Center Austria (mica) wurde ein zweitägiges Showcase-Festival mit jungen österreichischen Musikern organisiert, zu dem auch internationale Veranstalter eingeladen wurden. Zu Weihnachten gastierte Slavko Ninic mit seiner Tschuschenkapelle, und für den Jahresabschluss sorgte Sir Karl Ratzer mit seinem internationalen Sextett.

 

Soviel, kurz und unvollständig zusammengefasst, zum Inhalt. Christoph Huber

 

One of the greatest things about Jazz is that it always resides in treasured places. It’s an ongoing embrace that together we continue to cherish, and celebrate. Porgy & Bess is in jubilation of its 20th birthday. A very special event, in a very special place. (Pat Martino, 2013)