Fr 20. September 2019
20:30

Ebony Bones 'Nephilim' (GB)

Am 20. April 1968 hielt der rechtskonservative britische Abgeordnete Enoch Powell eine Rede, die als „Rivers Of Blood Speech“ in die düstere Geschichte Großbritanniens eingehen sollte: „In this country in 15 or 20 years‘ time the black man will have the whip hand over the white man.“ Diese zutiefst rassistischen Äußerungen jährten sich nicht nur vor einigen Wochen zum fünfzigsten Mal, ein Sample dieser Worte eröffnet auch „No Black In The Union Jack“, das wütende Herzstück des neuen Albums von Ebony Bones.

Eines der Themen, die die 1982 als Tochter jamaikanischer Eltern in London geborene Künstlerin auf ihrem dritten Studioalbum „Nephilim“ behandelt, ist Zensur. Die Platte wurde von Bones zum Großteil in Peking komponiert und produziert, wo mediale Zensur ein alltägliches Thema ist. Doch auch die Geschichte ihrer britischen Heimat wird mit einbezogen: Die eingangs erwähnte Rede wurde unter dem Vorwurf der Volksverhetzung verboten, eine konstruktive Auseinandersetzung mit den Ansichten quasi zensiert. In der Schule lerne man weder etwas von unangenehmen Individuuen wie Powell, meint Bones, noch etwa über britische Kolionialgeschichte, welche sie im Song „Oh Leopold“ verarbeitet: Leopold II. war als belgischer Kolonialherr in der heutigen D. R. Kongo für den Tod von mehreren Millionen Menschen verantwortlich. „Anstatt uns mit den Menschen, deren Meinung wir nicht teilen, aufrichtig auseinander zu setzen, hat man sie einfach unter den Teppich gekehrt. In der Realität verschwinden solche Meinungen jedoch nicht, sie tauchen immer wieder auf“, sagt die britische Künstlerin. Und so sieht Bones die Ideologie Powells bei vielen derjenigen wieder auftauchen, die im Juni 2016 für den Brexit votierten.

Erhabene Schönheit, unheilvolle Spannung
Erkenntnisse wie diese machen „Nephilim“ zu einem wichtigen, aber auch zu einem sehr bedrückenden Album. Gerade im Vergleich zu ihrer 2016 erschienenen EP „Milk & Honey, Pt.1“, durch die noch der schillernde Optimismus der frühen Disco schallte, klingt diese LP dystopisch. Durch den Titeltrack schlängelt sich ein bedrohliches, vom Beijing Philharmonic Orchestra eingespieltes Streicher-Ostinato, das immer wieder von lautstarkem Beat-Gewitter unterbrochen wird. „I know the hunger will come / And it will break you“, lautet die beunruhigende Prophezeiung im Zentrum von „Ghrelin Games“. Die Instrumentalstücke „Truth Or Treason“ und „The Watchers“ sind sowohl von erhabener Schönheit als auch voll unheilvoller Spannung. Ausgerechnet einen Kinderchor setzte Bones für ihr Cover von des jamaikanischen Klassikers „Police & Thieves“ (im Original von Lee Scratch Perry und Junior Murvin, auch bekannt durch die Fassung von The Clash) von Verfolgung durch Polizisten. Das Stück, das über die Jahre hinweg immer wieder mit Bedeutung aufgeladen wurde (Straßenkämpfe in Jamaika, Brixton Riots), wird auf „Nephilim“ zu einem Kommentar auf Polizeigewalt in den USA.

Doch all die thematische und musikalische Dunkelheit von „Nephilim“ verstört nicht nur, sie ist auch ungemein faszinierend. Bones, die als Produzentin, Komponistin, Instrumentalistin, Videoregisseurin, Labelinhaberin und Art-Designerin auch auf ihrem dritten Album alle Fäden in der Hand hält, hat zehn unglaublich kraftvolle Songs geschaffen, die nicht nur das Elend der Gegenwart porträtieren, sondern auch Gegenentwürfe bieten. „I saw the light / Soundtracking life / Through a fascist regime“, singt sie im gleichermaßen epischen wie hoffnungsvollen Finale „Bone Of My Bones, Pt. 2“, in dem sie das musikalische Thema des Instrumentals aufgreift, das 2009 ihrem Debüt seinen Titel gab. Acht Jahre später verschmilzt Ebony Bones den Rrriot-Wave dieser frühen Alben mit modernen Clubmusik-Sounds – und liefert eines der kraftvollsten Werke der Post-Brexit-Ära ab. (https://detektor.fm/musik/album-der-woche-ebony-bones-nephilim)

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