| |
Das Porgy: Stadtmöbel als Musikmaschine
(von Christian Scheib)
Sich der Wertschätzung eines Jazzclubs bloß über die Musik
zu nähern hieße, jenen Fehler fortzuschreiben, aufgrund dessen
man im Wiener Musikverein nicht den (Kunstmusik-)-Tempel (inklusive neogriechischer
Karyatiden), in der sonntagvormittäglich konkurrierenden Augustinerkirchenmusik
nicht den katholischen Gottesdienst, im Flex nicht den Club, im Rhiz nicht
die Bar, sondern überall nur den Hör-Ort, den Konzertsaal, den
„music venue“ sieht. Es ist aber nicht einfach so, dass Musik
eine Funktion hätte, die in bestimmten Räumen auf bestimmte
Weise erfüllt wird. Es ist nachgerade umgekehrt: (Soziale) Räume
haben eine bestimmte Funktion, und Musik hilft ihnen dabei, diese zu definieren.
Musikverantwortliche Programmdirektoren hören das selbstverständlich
nicht gerne, arbeiten sie doch ihrem Selbstverständnis nach tagtäglich
an einer Musikkonstellation, die – neben der Erfüllung von
künstlerischen, finanziellen und anderen Kriterien – nicht
zuletzt identitätsstiftend wirken soll. An genau dieser Bruchlinie
zwischen dem Club mit seiner dazugehörigen Musik einerseits und einer
Musik mit ihrem adäquaten Aufführungsort andererseits verlief
nicht zufälligerweise auch im Jazz eine der Fronten im Kampf um künstlerisch-ästhetische
Autonomie und ein neues Selbstverständnis der Musiker. Und an dieser
Stelle kann man auch mit der Polarisierung wieder aufhören: Selbstverständlich
handelt es sich um eine Rückkoppelungsschleife. Die ist letztendlich
ziemlich komplex und hat nicht zuletzt eminent kulturpolitische Aspekte,
aber in ihrer Grundform heißt das: Der Club braucht, um zu funktionieren,
identitätsstiftende Musik; die Musik(er) braucht/brauchen, um ausprobieren
und sich weiterentwickeln zu können, funktionierende Clubs. Von den
Anfängen bis in die Gegenwart gäbe es kein Konzert-, Tournee-,
Produktions- und Schallplattenleben, gäbe es nicht den Alltag des
Clubs. Der im Vergleich zu sowohl Festivals als auch Plattenproduktionen
ungleich intimere und darin subtilere Kontakt mit dem Publikum ist die
Basis für den Aufbau von realem, aber vor allem auch symbolischem
Kapital, von Renommee und Kontakten. Insofern hat dieser Alltag nicht
nur musikalische Aspekte, sondern aus der Perspektive der Musiker ebenso
wie aus derjenigen der Betreiber auch ökonomische und soziale. Genau
darin liegt sogar der Wert des Alltäglichen. Wirft man aber einen
Blick in alte und neuere Standardwälzer zum Thema Jazz – von
Polillo über Berendt bis zum voluminösen Mathildenhöhen-„That’s
Jazz“-Katalog, fällt auf, dass man zwar neben den üblichen
Stil-, Epochen und Personenkapiteln eigene Kapitel zu den Themen Jazzfestivals,
Plattenlabels oder gar „Jazz und Fernsehen“ finden kann, kaum
aber zum Thema „Jazzclub“. Der blinde Fleck der Wahrnehmung
scheint genau dort zu sitzen, wo die Alltäglichkeit zuhause ist.
Ausgerechnet der Club als die essenzielle Basis entgeht damit oftmals
der (beschreibenden oder analysierenden) Wahrnehmung.
Gleichzeitig essenziell für die Weiterentwicklung der musikalischen
(Jazz-)Wirklichkeit einer Stadt zu sein und als Stadtraum schlicht alltäglich
Musik zu brauchen und zu verbrauchen: Am Gelingen dieses Spagats erkennt
man die Qualität eines Clubs. Das Porgy scheint in seiner jetzigen
Erscheinungsform – nach Phase eins in der Spiegelgasse und temporärem
Nomadentum – sowohl räumlich als auch programmgestalterisch
diesem Spagat ziemlich nahe zu kommen. Im Makrokosmos des Stadtlebens
(und der nächstgrößere Kontext der internationalen Positionierung
sei hier generös subsumiert) ist die Abgrenzung zu anderen Clubs
erforderlich – ein ernstes Spiel mit vielen Variablen von künstlerischen
Vorlieben über akustische Qualitäten bis hin zu potenziellem
Fassungsvermögen und realer Auslastung, ein Spiel mit (im für
die Stadt und die Musik günstigsten Fall) mehreren Gewinnern in mehreren
Sparten und Nischen. Im Mikrokosmos des Clublebens hingegen ist die Vielfältigkeit
der Benutzungsmöglichkeiten ein Kriterium, an dem sich clubmäßig
die Spreu vom Weizen trennt. Und das Porgy ist auch in dieser Kategorie
schwer zu überbieten: Von der möglichen, aufmerksamen Hörhaltung
an den Tischen im Inneren des elliptischen Klangraums über die etwas
distanziertere auf der Galerie hin zur mehr am sozialen denn am musikalischen
Zuhören interessierte Haltung an der Bar lässt sich alles gleichzeitig
bewerkstelligen – alles bloß eine Frage der persönlichen
Entscheidung des Stadtmöbelbenutzers. Und genau deswegen ist das
Stadtmöbel Porgy als so vielfältig bespielbarer Ort eine überraschend
Vielfältiges produzierende Musikmaschine: Von der leisesten Improvisation
über kammermusikalischen Jazz über bigbandmäßig Groovendes
bis zur hingeknallten Abtanzmusik geht sich akustisch und sozial alles
aus.
(Soziale) Räume haben eine bestimmte Funktion, und Musik hilft ihnen
dabei, diese zu definieren: Als der Wiener Musikverein als Kunsttempel
entworfen und gebaut wurde, benötigte ein neues Bürgertum neue
Räume jenseits von Schloss, Palais und Kirche für ein gerade
erst zuvor entstandenes neues Verständnis von Musik als Alternativreligion,
als etwas Metaphysisches. Als in Wien das Porgy gegründet wurde,
benötigten neue Generationen von Musikern und Musikhörern –
in ihrer Spannweite auch nachlesbar an der Zusammensetzung des Gründungstriumvirats
Rüegg/Deppe/Huber – einen neuen Raum für ein neues (Jazz-)-Selbstverständnis
als sowohl Kunst wie auch Unterhaltung in einer städtischen Gesellschaft,
die mit künstlerischen Kategorien wie „neu“ und „alt“,
mit ästhetischen Kategorien wie „Kontext“ und „Sozialraum“,
mit ökonomischen Kategorien wie „symbolischem“ und „realem
Kapital“ virtuos umzugehen gelernt hat. Aus den Bedürfnissen
von Musikhörern und Musikern entwickelte sich ein Club, um jenseits
von eingefahrenen Jazzhaltungen den Spagat aus Versuch und Routine, aus
Groove und Experiment, aus Aufmerksamkeit und Unterhaltung zu wagen. Ob
ein musikalisch ausgerichtetes Stadtmöbel tatsächlich eines
wird, als solches benutzt wird, sich auch weiterentwickelt, hängt
eben von verhältnismäßig komplexen Rückkoppelungseffekten
ab, in denen die Musik (mit ihrer Qualität und Aktualität) nur
einer von vielen Faktoren ist – wenn auch der grundlegende: „The
music is you“ (Sun Ra). |