6. Januar 2020
Von Hannes Schweiger

MI 01. Januar 2020
Blue Note-Üppigkeit mit verhangenen Existentialismus-Schlieren
KARL RATZER QUINTET
Karl Ratzer (e-g, voc), Franz Koglmann (tp, flh), Ed Neumeister (tb), Peter Herbert (b), Howard Curtis (dr)

Das musikalische, primär jazzmusikalische, Kapitel des neuen Jahres schlägt im Jazzrefugium in „auftrieblicher Üblichkeit“, mit abermals überraschenden „tönenden Vorsatzeinwürfen“ und der mittlerweile unverrückbaren künstlerischen und emotional dringlichen Gewichtung, Karl Ratzer auf. Wiederum mit seinem durch den „Brassisten“ Franz Koglmann neu- bzw. umbesetzten Quintett. Zunächst betrat Ratzer alleine die Bühne und brachte mit der Gelassenheit eines Zen-Buddhisten sein „Heiligtum“, die Gitarre, mit behutsamen Handgriffen in Stimmung. Momente später saß einem einer dieser magischen Ratzerakkorde, im Konzentrat Gehört und Ungehört, im Nacken. Obwohl bereits schon wieder verklungen, lässt er einen nicht mehr los. Postwendend nimmt bereits der nächste gefangen. Nach und nach stellten sich die restlichen Akteure ein. In offener Form, metrisch wie harmonisch, mäanderte eine feingliedrige Kollektivimprovisation, im ratzerschen Kosmos in solcher Prägung ein Novum, einher. Punktgefasstes, freies Klangfarbenspiel tropfte plötzlich ebenso selbstverständlich von Ratzers Fingern. Hier griffen offensichtlich Anregungen Koglmanns. Solch breiter Fluss gerann zum ersten inbrünstigen Blues. Federnd und gelöst in der Rhythmik.

Dorthin entführt vom vielleicht besten Gespann in jener Umgebung: Herbert & Curtis. Ratzer begann eine Serie von Soli, im vielgerühmten Eigensinn, in denen er die harmonische Außenhaut überlieferter Standards sowie die seiner, in der Gemengelage Jazz/Blues/Soul brodelnden Erfindungen neu aufzieht. Und fallweise wie bei „Sweet Lorraine“ oder seiner Hymne „My Time“ mit seinem „Kauderwelsch-Croonen“ das Geschehen zusätzlich emotionalisiert. Wahrhaftigkeit des Soulman. Gleichsam legte der umwerfende Könner Ed Neumeister ein entsprechendes Quantum Gefühl offen. Kundgetan in kreativlastigen Phrasen und Figuren - teils skalenkonform, teils skalenentfernt -, individuell im Tonvorrat bis hin zum Geräusch und Multiphonics. Der mit der Posaune spricht. Beider wandelbare improvisatorische Fantasie, blieb jedoch stets in der Infrastruktur der Musik eingebettet. Verblüffend, in noch ausgeweiteterem Maße, die nun erreichte Leichtigkeit dieser Mischung aus notatorischer Festlegung und spontanen Inventionen. Koglmann hingegen ging die Modern Jazz-Diktion diesmal nicht unter die Nase, das jazzgekleidete Bluesen wollte sich seiner Gefühlswelt so gar nicht erschließen. Wodurch seine konterkarierenden, kontrapunktischen Melodie-/Harmonieeinfassungen nicht zu letztjährig aufflammender, aufladender Bissigkeit fanden. Was ihn öfters sich von der Bühne zurückziehen ließ. Obschon Ratzer ihn auch durch wertschätzende Worte aus seinem Kokon zu locken versuchte. In seiner ausschließlichen Solistenrolle konnte allerdings Koglmanns versierte Sophistication herausgehört werden. Der daraus resultierende Reibungszustand, ließe sich mit dem diskontinuierlichen, non-linearen Trompetenspiel Ornette Colemans zusammenbringen. Einige Funken zündeten. Die anderen vier wussten das in fantastischer Geschlossenheit zu verwerten. Im gewählten Kontinuum mit größtmöglicher Freiheit. Schwebend, swingend, singend. Abschließend kehrte Ratzer in einer Solo-Version von Hoagy Carmichaels „Stardust“ nochmals sein Innerstes nach außen und versprühte Sternenstaub. Jetzt las man in letzter Zeit gehäuft über den Einfluss künstlicher Intelligenz im Musikschaffen. Angesichts der an diesem Abend von Ratzer & Co demonstrierten menschlichen musikalischen Intelligenz, Gefühlsmacht, dem narrativen Vermögen, aus begnadeten Händen, wird die KI mit ihrer algorithmischen Starre eine musikgeschichtliche Fußnote bleiben.