Do, 31.01.2013
Roscoe Mitchell Solo (USA)

20:30 h
     
 

 

  Roscoe Mitchell: alto-, soprano saxophone


  »Kunst ist schön. Macht aber viel Arbeit«: Karl Valentins Satz, längst ein geflügeltes Wort, bezieht jede und jeder auf die Herstellung von Kunst. Die macht ja tatsächlich viel Arbeit, vor allem dann, wenn man ihr das am Ende nicht anmerken soll. Nun gibt es freilich viel Kunst, die auch vom Publikum einige Anstrengung fordert. Die kann auch Spaß machen. Wieso sonst würden weltweit Millionen über Schachbrettern brüten (»die größte Verschwendung von menschlichem Geist außer der Werbung«, wie Nabokov meinte)? Natürlich kann, gerade im Jazz, auch Beiläufigkeit eine Qualität sein, jenes generöse Understatement, das uns mit einer Synkope Verspätung, sozusagen im Nachhall, aufhorchen lässt: War da nicht was? Nicht immer ist Konzentration die angemessene Rezeptionshaltung. Unvergesslich ist mir ein privater Empfang nach einem Konzert von Friedrich Gulda. Er hatte im Konzert Jazz im Trio und Bach gespielt und setzte sich after hours an den Flügel und begann, Beethoven zu spielen, einen langsamen Satz nach dem andern, präzise, aber in der Haltung eines Barpianisten, die Zigarette im Mundwinkel und einen Drink auf dem Instrument. Die Leute sprachen weiter oder hörten zu oder sprachen und hörten, und die Musik veränderte allein durch die Situation ihren Aggregatzustand. Sie verlor etwas von ihrem Aplomb.

Der Qualität des Beiläufigen steht der Preis der Anstrengung gegenüber. Im doppelten Wortsinn. Auf die jüngste CD des über siebzigjährigen Roscoe Mitchell müssen wir uns einlassen, oder wir lassen sie ganz. Mitchell war in den sechziger Jahren der Gründer des legendären Art Ensemble of Chicago, jener Gruppe von schwarzen urbanen Improvisatoren, die sich vom europäischen sogenannten Free Jazz erstens durch die Nabelschnur zur »Great Black Music« unterschieden, den Ernst einer soziokulturellen Verbindlichkeit, und zweitens durch eine Qualität, die dem meisten, was mit dem Free Jazz oder der Neuen Musik verbunden ist, abgeht – Humor. Das AEOC (es existiert noch immer, in veränderter Besetzung) verstand seine Musik auch als einen körperlich-theatralischen Vorgang. Nicht dass Mitchell mit seinem größeren Ensemble, der Note Factory, sich davon distanzierte, aber in der Audio-Aufzeichnung des Konzerts vom Mai 2007 in Burghausen sind wir nun einmal auf das Klangereignis konzentriert, und das macht Arbeit. Bringt aber auch großen Gewinn, haben wir uns erst einmal in diese Klangräume vorgearbeitet. (Peter Rüedi)

 
Eintritt:
EUR 20,00
 


 
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